Bereits im Februar 1990 wurde er in einer deutschen Fachzeitschrift per
Inserat angepriesen, auf der HAM-RADIO vorgeführt, aber
erst Ende des Jahres in Stückzahlen auch in Deutschland
ausgeliefert. Seine Vorgänger IC-R70 und IC-R71 hatten
bekanntlich Geburtsschwierigkeiten, also offenbar nichts
Außergewöhnliches für ein ICOM-Gerät.
Erste Eindrücke nach zwei Tagen
Das ansprechende und recht massive, 4,8 kg schwere
Gerät entwickelt wider Erwarten viel Wärme. Leider wird
sie nicht über den Gehäusedeckel abgeführt, sondern
der sehr heiße Netztrafo wärmt das den Netzteil
tragende Mittelchassis auf und dieses gibt die Wärme an
das Geräteinnere weiter. Die Gehäusetemperatur pendelt
sich nach einigen Stunden Betrieb auf gut 34 bis 35 Grad
C ein. Dabei beträgt - laut Herstellerangabe - die
Leistungsaufnahme nur 13 bis 15 W. Warum die germanische
Version keinen externen 12 - 16V Anschluß besitzt, ist
einem Laien wohl schwer zu vermitteln, hier wird wohl
unsere Zulassungsstelle mitgespielt haben.
Mit den sehr gut angeordneten Bedienungselementen kommt
man auf Anhieb und praktisch ohne in der (übrigens guten)
Bedienungsanleitung suchen zu müssen, zurecht. Die
Plazierung von Tasten und Knöpfen ist sinnvoll. Mit der
weiteren Miniaturisierung sollte man nun aber aufhören,
die Bediener müßten sonst ebenfalls mit verkleinert
werden. Neun Millimeter Durchmesser für die Lautstärke
und den Squelch sind schon "Modellbau"-Spitze,
dagegen der griffige Tuning-Knopf mit gutem "feeling"
samt justierbarer Bremse. Die Umschaltung der
Schrittweite ist gut gelöst. Der Abschwächer mit 10, 20
und 30 dB ist in Ordnung, der schaltbare 10 dB Vorverstärker
gut und hilfreich, besonders im höheren Bereich, über
die Anzeige derselben werde ich mich weiter unten noch
ausführlich äußern.
Die Empfindlichkeit ist entsprechend Höreindruck und
Test mit einem Meßsender uneingeschränkt lobenswert und
entspricht damit gut den im Prospekt veröffentlichten
Daten. "S-Meter" - so steht es extra auf dem
Anzeigenteil: Ein sehr sauber gezeichnetes, gut
beleuchtetes Instrument von vernünftiger Größe. Der
Wert für S 8 ist aber der einzige, der stimmt (U/e 0,25
Mikrovolt), die höheren Werte bis +60 dB kommen zu früh
(um 8 bis 10 dB), die Anzeigen darunter kommen viel zu spät:
für einen S 3 Anschlag werden immerhin schon 9,5 mV
statt 0,8 mV erforderlich.
Dieses nach der INTERRADIO 90 ausgelieferte Gerät
besitzt noch den eingeschränkten Bereich von 150 kHz bis
26100 kHz, die Geräte sollen aber nun alle mit einem
Frequenzumfang bis 30 MHz ausgeliefert werden.
Große Freude macht natürlich der SSB-Empfang mit den
ganz ordentlichen Filtern FL30 (2,3/ 4,2 kHz) in
Verbindung mit der feinfühligen Abstimmung auf 10 Hz
genau. Das AM-Filter - laut ICOM- Firmenangabe im
englischen Manual - mit 6 / 20 kHz für -6 und -50 dB
erinnert an eine vierspurige Autobahn, auf der munter
links und rechts überholt wird. Dieser Trichter ist kaum
für Mittelwelle geeignet, für Kurzwelle noch weniger,
und ist zudem geradezu ein Hohn zum Gerätepreis und dem
übrigen Aufwand. Das vorgefundene Filter scheint auch
unsymmetrisch zu sein. Einen Nachrichtensprecher aber auf
Stellung "schmal" hören zu wollen oder gar müssen
empfinde ich mehr als eine Zumutung.
Von der Güte der Filter hängt zum Teil auch die Art und
Stärke des Rauschens ab, das sich beim R72 als etwas härter
oder rauher als bei Vergleichsgeräten erwies. Das
seidenweiche Rauschen des HF 225 scheint merklich
angenehmer und weniger ermüdend. Bei Vergleichsmessungen
trat noch ein Umstand auf, der sich bei "AM" in
einer um 25 dB unterdrückten SSB-Überlagerung äußerte.
Das gut beleuchtete, problemlos lesbare Display bringt
viele Anzeigen, sagt aber leider nicht, daß z.B. gerade
eine Vordämpfung geschaltet ist oder der "PREAMP",
dafür wird das "MEMO" oder der elektronischen
Verriegelung ("LOCK", mit Umrahmung) reichlich
Platz spendiert. Die genannten Hinweise wären doch recht
sinnvoll, da am unteren linken Frontplattenrand, etwas
nach innen versetzt, acht Minitasten zu suchen sind (Fläche
knapp 4 x 4 mm), die AGC, Abschwächer, Verstärker,
Uhrenfunktionen und Dimmer schalten, man den
Schaltzustand aber nicht erkennen kann. Über dem
Abstimmknopf finden sich noch eine grüne und eine rote
LED, die mit "BUSY" und "TUNE"
bezeichnet sind. Grün signalisiert, je nach Stellung des
Squelchreglers, einen Träger oder die offene
Rauschsperre, rot zeigt die Trägermitte an. Gegenüber
den Vorgängern wird besonders die Funktion Passband-Tuning
(PBT) schmerzlich vermißt.
Es wurden durchaus noch nicht alle Funktionen
angesprochen, und der Schreiber hatte sich auf "grünes
Licht" für den R72 gefreut, zu früh? Es muß wohl
noch das eine oder andere getan werden, ehe der R72 den
Vorgängern würdig zur Seite gestellt werden kann.
Ein weiteres Gerät...
Der erste Empfänger überzeugte nicht, und damit
nicht ein zufällig aus der Reihe tanzendes Gerät die
alleinige Testgrundlage bildet, wurde ein zweiter Empfänger
besorgt. Am 12.12. punkt 12 Uhr wurde er in Betrieb und
unter die Lupe genommen. Um es vorweg zu nehmen: Beide
gleichen sich auf s Haar. Nach 13 Betriebsstunden
erreichte die Gehäuseaußentemperatur wiederum 35 Grad C.
Alle Betriebsarten (außer der nichtbestückten FM) waren
im gesamten Bereich voll funktionsfähig. Wiederum waren
alle Daten so gut wie beim ersten Empfänger, es gab hier
keine sicht- oder meßbare Exemplarstreuung.
Bei Hörbetrieb in "AM" kaum wahrnehmbar, aber
am Meßsender mehr als spürbar: Mit 22 dB unter dem
Nutzsignal wird ein "Einpfeifen" hörbar, ähnlich
CW-Betrieb, und wird zu Null, wenn die Trägermitte
erreicht ist. Dies wurde durch die sehr empfindliche rote
LED "TUNE" korrekt angezeigt. Letzteres ist bei
AM-Betrieb auf niedrigeren Frequenzen ganz vorteilhaft
bei den vorgesehenen Filterweiten. Es wurde hierdurch
bereits eine (senderseitig ungewollte) Frequenzablage
festgestellt. Wahrscheinlich wird das oben genannte Phänomen
mit angeschlossener Antenne kaum oder gar nicht wirklich
bemerkt.
Die seitens ICOM angegebenen Eckwerte wurden nochmals
kontrolliert: Sie sind über jeden Zweifel erhaben. Auch
das S-Meter wurde bei 5, 14, 22 und 26 MHz nochmals
nachgemessen. Es ergaben sich. je nach Bandbreite oder
Vorverstärkerbetrieb, rund 60 Meßwerte, sie abzudrucken
wäre Papierverschwendung. Der größte Wahrheitsgehalt
liegt zwischen S9...+10dB; also "relative Feldstärke",
mehr nicht.
Die einzelnen Möglichkeiten der Frequenzeingabe über
MHz/kHz-Taste und dem großen Tuning-Knopf oder das
Tastenfeld oder aus dem Speicher (99 + 2 Plätze) sind
augenfällig und geben keine Probleme auf, ein Blick ins
Handbuch genügt im Zweifelsfalle. So auch beim Stellen
der Uhr, hier ist allerdings der Quittungston für "SET"
und "ENT" abzuwarten. Die Angaben über den
Abschwächer ( 10 / 20 - 30dB) sind wieder sehr genau,
die Dämpfung sinkt nur im äußersten Bandende um I bzw.
4 dB, während umgekehrt der Vorverstärker 10 bis 11 dB
bringt und ab 25 MHz auf 13 dB ansteigt. Die erwähnte
merkwürdige Erwärmung beider Geräte legte die Frage
nach der Stromaufnahme nahe. Der R72 benötigte 95 mA aus
dem Netz (bei zugedrehter NF, Mode "AM" und
ohne zusätzliche Quarzheizung, die als Option erhältlich
ist). Das entspricht bei einer Netzspannung von 229 V 21,7
W. Vergleichsweise benötigt der HF 225 von LOWE (mit 15
V - Netzteil) 50 mA, der gute, alte Sony 2001D 14 mA, und
eine ADX 30 (Aktivantenne) 22 mA. Hier steht noch eine
erfolgreiche Suche nach den verheizten Kalorien ins Haus.
Welche Zielsetzung ICOM damit verfolgt, einem so guten
SSB-Teil in einem "Commmunications Receiver"
merklich magere AM-Filter zur Seite zu stellen - bei
sonst aufwendiger Bauweise - ist nicht nachvollziehbar,
gerade in einer Zeit, in der es stetig mehr SWLs gibt.
Passband-Tuning und ein Synchrondetektor waren wohl
ohnehin bei diesem Preis nicht mehr zu realisieren.
Fazit
Der ICOM IC-R72 ist ein solider Empfänger der
gehobenen Mittelklasse mit hervorragender Stabilität und
Frequenzeinstellung. Das SSB-Teil ist sehr gut
dimensioniert, es ist reichlich Speicherkapazität
vorhanden und der Scan-Betrieb ist praktisch eingerichtet.
Die AM-Bandbreiten lassen - wie leider so oft bei reinen
Empfängern - einige Wünsche offen. Die Schaltfunktionen
über Timer erwiesen sich als nützlich.
Besonders positiv würde ich die Möglichkeiten für
nichtsehende Programmhörer und Dxer einschätzen
aufgrund der klaren und nicht überladenen
Tastenfunktionen. Nach Einbau der Baugruppe UT-36 erfolgt
übrigens die Frequenzansage in Englisch oder Japanisch.
Das ganze Konzept und die
Chassisbilder lassen eine starke Ähnlichkeit mit dem IC-726
(Empfangsteil) erkennen.
Checkliste
Frequenzbereich: 150 - 30000 kHz
Modi: SSB, AM, CW; Option: FM
Stromversorgung: 220 V
Antennenimpedanz: 50 Ohm / 500 Ohm
Arbeitsbereich: - 10° C bis + 60° C
Frequenzstabilität: besser als +/- 200 Hz bei 25° C nach 1 Std
Speicherplätze: 99 (+ 2 Scan)
Abmessungen: 241 x 94 x 229 mm, Gewicht: 4,8 kg
Empfindlichkeit:
0,1 - 1,8 MHz SSB, CW besser als 2,0 uV bei 10 dB S/N, AM
besser als 0,61 uV bei 10 dB S/N
1,8 - 30 MHz (mit PREAMP) SSB, CW besser als 0,16 uV bei
10 dB S/N, AM besser als 2,0 uV bei 10 dB S/N
28 - 30 MHz (mit PREAMP) FM besser als O,5 uV bei 12dB SINAD
Selektivität: SSB, AM eng, CW besser als 2,3 kHz / - 6 dB, weniger als 4 kHz / - 60
dB
AM besser als 6 kHz / -6 dB, weniger als 20 kHz / - 50 dB
FM besser als 15 kHz / - 6 dB, weniger als 30 kHz / -50
dB
Spiegelfrequenzunterdrückung: besser als 70 dB
Optionen: - Filter: FL-100
500 Hz / - 6 dB
- Filter: FL-101 250 Hz / - 6 dB
- Quarzofen CR 64
- FM Einheit Ul - 8
- Frequenzansage UT-36