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Testbericht IC - R 72 - © weltweit hören, 1 / 1991

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überarbeitet am 24.7.2010

Der ICOM IC R72 - würdige Ablösung für den R - 71 ?

Bereits im Februar 1990 wurde er in einer deutschen Fachzeitschrift per Inserat angepriesen, auf der HAM-RADIO vorgeführt, aber erst Ende des Jahres in Stückzahlen auch in Deutschland ausgeliefert. Seine Vorgänger IC-R70 und IC-R71 hatten bekanntlich Geburtsschwierigkeiten, also offenbar nichts Außergewöhnliches für ein ICOM-Gerät.

Doppelsuper, ZF 70,4515 MHz, 9,0115 MHz, 455 kHz

Digitalanzeige auf 10 Hz genau, 100 kHz - 30 MHz

AM, CW, USB/LSB, FM (optional)

Empfindlichkeit CW/SSB <0,18 uV

Selektivität(-6 dB) AM 6 kHz, SSB 2,3 kHz

S-Meter, RF-Gain, AGC,99 Memories, Keypad

Erste Eindrücke nach zwei Tagen
Das ansprechende und recht massive, 4,8 kg schwere Gerät entwickelt wider Erwarten viel Wärme. Leider wird sie nicht über den Gehäusedeckel abgeführt, sondern der sehr heiße Netztrafo wärmt das den Netzteil tragende Mittelchassis auf und dieses gibt die Wärme an das Geräteinnere weiter. Die Gehäusetemperatur pendelt sich nach einigen Stunden Betrieb auf gut 34 bis 35 Grad C ein. Dabei beträgt - laut Herstellerangabe - die Leistungsaufnahme nur 13 bis 15 W. Warum die germanische Version keinen externen 12 - 16V Anschluß besitzt, ist einem Laien wohl schwer zu vermitteln, hier wird wohl unsere Zulassungsstelle mitgespielt haben.
Mit den sehr gut angeordneten Bedienungselementen kommt man auf Anhieb und praktisch ohne in der (übrigens guten) Bedienungsanleitung suchen zu müssen, zurecht. Die Plazierung von Tasten und Knöpfen ist sinnvoll. Mit der weiteren Miniaturisierung sollte man nun aber aufhören, die Bediener müßten sonst ebenfalls mit verkleinert werden. Neun Millimeter Durchmesser für die Lautstärke und den Squelch sind schon "Modellbau"-Spitze, dagegen der griffige Tuning-Knopf mit gutem "feeling" samt justierbarer Bremse. Die Umschaltung der Schrittweite ist gut gelöst. Der Abschwächer mit 10, 20 und 30 dB ist in Ordnung, der schaltbare 10 dB Vorverstärker gut und hilfreich, besonders im höheren Bereich, über die Anzeige derselben werde ich mich weiter unten noch ausführlich äußern.
Die Empfindlichkeit ist entsprechend Höreindruck und Test mit einem Meßsender uneingeschränkt lobenswert und entspricht damit gut den im Prospekt veröffentlichten Daten. "S-Meter" - so steht es extra auf dem Anzeigenteil: Ein sehr sauber gezeichnetes, gut beleuchtetes Instrument von vernünftiger Größe. Der Wert für S 8 ist aber der einzige, der stimmt (U/e 0,25 Mikrovolt), die höheren Werte bis +60 dB kommen zu früh (um 8 bis 10 dB), die Anzeigen darunter kommen viel zu spät: für einen S 3 Anschlag werden immerhin schon 9,5 mV statt 0,8 mV erforderlich.
Dieses nach der INTERRADIO 90 ausgelieferte Gerät besitzt noch den eingeschränkten Bereich von 150 kHz bis 26100 kHz, die Geräte sollen aber nun alle mit einem Frequenzumfang bis 30 MHz ausgeliefert werden.
Große Freude macht natürlich der SSB-Empfang mit den ganz ordentlichen Filtern FL30 (2,3/ 4,2 kHz) in Verbindung mit der feinfühligen Abstimmung auf 10 Hz genau. Das AM-Filter - laut ICOM- Firmenangabe im englischen Manual - mit 6 / 20 kHz für -6 und -50 dB erinnert an eine vierspurige Autobahn, auf der munter links und rechts überholt wird. Dieser Trichter ist kaum für Mittelwelle geeignet, für Kurzwelle noch weniger, und ist zudem geradezu ein Hohn zum Gerätepreis und dem übrigen Aufwand. Das vorgefundene Filter scheint auch unsymmetrisch zu sein. Einen Nachrichtensprecher aber auf Stellung "schmal" hören zu wollen oder gar müssen empfinde ich mehr als eine Zumutung.
Von der Güte der Filter hängt zum Teil auch die Art und Stärke des Rauschens ab, das sich beim R72 als etwas härter oder rauher als bei Vergleichsgeräten erwies. Das seidenweiche Rauschen des HF 225 scheint merklich angenehmer und weniger ermüdend. Bei Vergleichsmessungen trat noch ein Umstand auf, der sich bei "AM" in einer um 25 dB unterdrückten SSB-Überlagerung äußerte.
Das gut beleuchtete, problemlos lesbare Display bringt viele Anzeigen, sagt aber leider nicht, daß z.B. gerade eine Vordämpfung geschaltet ist oder der "PREAMP", dafür wird das "MEMO" oder der elektronischen Verriegelung ("LOCK", mit Umrahmung) reichlich Platz spendiert. Die genannten Hinweise wären doch recht sinnvoll, da am unteren linken Frontplattenrand, etwas nach innen versetzt, acht Minitasten zu suchen sind (Fläche knapp 4 x 4 mm), die AGC, Abschwächer, Verstärker, Uhrenfunktionen und Dimmer schalten, man den Schaltzustand aber nicht erkennen kann. Über dem Abstimmknopf finden sich noch eine grüne und eine rote LED, die mit "BUSY" und "TUNE" bezeichnet sind. Grün signalisiert, je nach Stellung des Squelchreglers, einen Träger oder die offene Rauschsperre, rot zeigt die Trägermitte an. Gegenüber den Vorgängern wird besonders die Funktion Passband-Tuning (PBT) schmerzlich vermißt.
Es wurden durchaus noch nicht alle Funktionen angesprochen, und der Schreiber hatte sich auf "grünes Licht" für den R72 gefreut, zu früh? Es muß wohl noch das eine oder andere getan werden, ehe der R72 den Vorgängern würdig zur Seite gestellt werden kann.

Ein weiteres Gerät...
Der erste Empfänger überzeugte nicht, und damit nicht ein zufällig aus der Reihe tanzendes Gerät die alleinige Testgrundlage bildet, wurde ein zweiter Empfänger besorgt. Am 12.12. punkt 12 Uhr wurde er in Betrieb und unter die Lupe genommen. Um es vorweg zu nehmen: Beide gleichen sich auf’ s Haar. Nach 13 Betriebsstunden erreichte die Gehäuseaußentemperatur wiederum 35 Grad C. Alle Betriebsarten (außer der nichtbestückten FM) waren im gesamten Bereich voll funktionsfähig. Wiederum waren alle Daten so gut wie beim ersten Empfänger, es gab hier keine sicht- oder meßbare Exemplarstreuung.
Bei Hörbetrieb in "AM" kaum wahrnehmbar, aber am Meßsender mehr als spürbar: Mit 22 dB unter dem Nutzsignal wird ein "Einpfeifen" hörbar, ähnlich CW-Betrieb, und wird zu Null, wenn die Trägermitte erreicht ist. Dies wurde durch die sehr empfindliche rote LED "TUNE" korrekt angezeigt. Letzteres ist bei AM-Betrieb auf niedrigeren Frequenzen ganz vorteilhaft bei den vorgesehenen Filterweiten. Es wurde hierdurch bereits eine (senderseitig ungewollte) Frequenzablage festgestellt. Wahrscheinlich wird das oben genannte Phänomen mit angeschlossener Antenne kaum oder gar nicht wirklich bemerkt.
Die seitens ICOM angegebenen Eckwerte wurden nochmals kontrolliert: Sie sind über jeden Zweifel erhaben. Auch das S-Meter wurde bei 5, 14, 22 und 26 MHz nochmals nachgemessen. Es ergaben sich. je nach Bandbreite oder Vorverstärkerbetrieb, rund 60 Meßwerte, sie abzudrucken wäre Papierverschwendung. Der größte Wahrheitsgehalt liegt zwischen S9...+10dB; also "relative Feldstärke", mehr nicht.
Die einzelnen Möglichkeiten der Frequenzeingabe über MHz/kHz-Taste und dem großen Tuning-Knopf oder das Tastenfeld oder aus dem Speicher (99 + 2 Plätze) sind augenfällig und geben keine Probleme auf, ein Blick ins Handbuch genügt im Zweifelsfalle. So auch beim Stellen der Uhr, hier ist allerdings der Quittungston für "SET" und "ENT" abzuwarten. Die Angaben über den Abschwächer ( 10 / 20 - 30dB) sind wieder sehr genau, die Dämpfung sinkt nur im äußersten Bandende um I bzw. 4 dB, während umgekehrt der Vorverstärker 10 bis 11 dB bringt und ab 25 MHz auf 13 dB ansteigt. Die erwähnte merkwürdige Erwärmung beider Geräte legte die Frage nach der Stromaufnahme nahe. Der R72 benötigte 95 mA aus dem Netz (bei zugedrehter NF, Mode "AM" und ohne zusätzliche Quarzheizung, die als Option erhältlich ist). Das entspricht bei einer Netzspannung von 229 V 21,7 W. Vergleichsweise benötigt der HF 225 von LOWE (mit 15 V - Netzteil) 50 mA, der gute, alte Sony 2001D 14 mA, und eine ADX 30 (Aktivantenne) 22 mA. Hier steht noch eine erfolgreiche Suche nach den verheizten Kalorien ins Haus.
Welche Zielsetzung ICOM damit verfolgt, einem so guten SSB-Teil in einem "Commmunications Receiver" merklich magere AM-Filter zur Seite zu stellen - bei sonst aufwendiger Bauweise - ist nicht nachvollziehbar, gerade in einer Zeit, in der es stetig mehr SWLs gibt. Passband-Tuning und ein Synchrondetektor waren wohl ohnehin bei diesem Preis nicht mehr zu realisieren.

Fazit
Der ICOM IC-R72 ist ein solider Empfänger der gehobenen Mittelklasse mit hervorragender Stabilität und Frequenzeinstellung. Das SSB-Teil ist sehr gut dimensioniert, es ist reichlich Speicherkapazität vorhanden und der Scan-Betrieb ist praktisch eingerichtet. Die AM-Bandbreiten lassen - wie leider so oft bei reinen Empfängern - einige Wünsche offen. Die Schaltfunktionen über Timer erwiesen sich als nützlich.
Besonders positiv würde ich die Möglichkeiten für nichtsehende Programmhörer und Dxer einschätzen aufgrund der klaren und nicht überladenen Tastenfunktionen. Nach Einbau der Baugruppe UT-36 erfolgt übrigens die Frequenzansage in Englisch oder Japanisch.

Das ganze Konzept und die Chassisbilder lassen eine starke Ähnlichkeit mit dem IC-726 (Empfangsteil) erkennen.

Checkliste
Frequenzbereich: 150 - 30000 kHz
Modi: SSB, AM, CW; Option: FM
Stromversorgung: 220 V
Antennenimpedanz: 50 Ohm / 500 Ohm
Arbeitsbereich: - 10° C bis + 60° C
Frequenzstabilität: besser als +/- 200 Hz bei 25° C nach 1 Std
Speicherplätze: 99 (+ 2 Scan)

Abmessungen: 241 x 94 x 229 mm, Gewicht: 4,8 kg

Empfindlichkeit:
0,1 - 1,8 MHz SSB, CW besser als 2,0 uV bei 10 dB S/N, AM besser als 0,61 uV bei 10 dB S/N
1,8 - 30 MHz (mit PREAMP) SSB, CW besser als 0,16 uV bei 10 dB S/N, AM besser als 2,0 uV bei 10 dB S/N
28 - 30 MHz (mit PREAMP) FM besser als O,5 uV bei 12dB SINAD

Selektivität: SSB, AM eng, CW besser als 2,3 kHz / - 6 dB, weniger als 4 kHz / - 60 dB
AM besser als 6 kHz / -6 dB, weniger als 20 kHz / - 50 dB
FM besser als 15 kHz / - 6 dB, weniger als 30 kHz / -50 dB

Spiegelfrequenzunterdrückung: besser als 70 dB

Optionen: - Filter: FL-100 500 Hz / - 6 dB
- Filter: FL-101 250 Hz / - 6 dB
- Quarzofen CR 64
- FM Einheit Ul - 8
- Frequenzansage UT-36

weitere Lektüre:
d: Icom IC - R72, Jürgen Bast, kurier 22 / 1990

© Hans-Jürgen Semmler / tth, wwh 2 / 91